Fahrstuhlmusik.
Aus den Boxen beschallt leise und blechern Musik den Raum. Ich blicke nach oben und suche die Boxen. Zwei kleine Schlitze links und rechts der quadratisch, weiß sterilen Decke lassen mich erahnen, dass da die Musik rauskommen müsse. Es ist Fahrstuhlmusik.
„Wie passend in einem Fahrstuhl.“, denke ich und bin stolz auf das eben gedachte. Ein toller Witz. „Auch wenn ich lieber Aufzug dazu sage.“
Die Türen vor mir gleiten leise zusammen, ich erhasche vor dem schließen des letzten Schlitzes noch einen Blick auf einen panisch heraneilenden Mann. Er wedelt mir mit den Armen zu. Zur Sicherheit drücke ich mehrmals auf den Knopf über dem eine Plakette mit „message 4 you – Werbeagentur“ klebt. Die Türen schließen endgültig. Mit einem sanften Ruck, der die Musik kurz aussetzen und mich wieder zu den Schlitzen hochblicken lässt, setzt sich der Aufzug in Bewegung. Dann musizieren die Schlitze wieder los.
„Bitte lass uns nicht anhalten. Ich mag`s überhaupt nicht wenn irgendwelche verschwitzt stinkende Leute sich noch in den von uns benutzten Aufzug quetschen.“
Ich löse mich von dem Gedanken und schließe die Augen. Die Musik erscheint daraufhin komischerweise blecherner, ich summe die Melodie leise mit und erkenne einen simplen Rhythmus. „Da-dadada-dudu-da.“
Ich beende mein Gesumme, öffne die Augen wieder und blicke auf die Anzeige; die Nummern der Stockwerke laufen durch. Nach und nach verlassen wir die Tiefgaragenstockwerke und arbeiten uns vor; „eher rauf.“ …
Es gibt wieder einen Ruck, diesmal unsanfter, die Musik läuft trotzdem weiter. „Hm? Fünfter Stock erst und schon einer der einsteigt!? Du hättest die Treppe nehmen sollen, wäre auch gut für deine Figur…“
Ich versuche eine lässige Haltung einzunehmen und möglichst unsanft zu schauen, um mögliche Zusteiger von vornherein zum Treppensteigen zu überreden. „Sehe ich so eigentlich cool aus?“ Es sind keine Spiegel da.
Ein weiterer Ruck gibt mir bescheid, dass wir jetzt endgültig im fünften Stock angekommen sind, ich blicke hoch zur Musik. „Immer woanders hinschauen, das ist ne wichtige Regel; Cool aussehen. als ob es total normal wäre, dass jemand zusteigt. Du magst doch diese typischen Aufzug Klischees eh nicht. Du magst doch eigentlich überhaupt keine Klischees!“ Werd ich damit aber nicht eigentlich selbst zum Klischee eines Klischeehassers?
Die Tür geht auf, die Boxen setzen wieder kurz aus. Meine Augen reißen sich von der Decke direkt auf die Tür. Verdammte Neugier. Ich zucke zusammen als direkt vor der Tür ein Gesicht erscheint, Adrenalin rauscht in mein Blut und mein Bauch gibt kurz eine Horde Schmetterlinge frei. Ein „Woah“ entfläucht meinem Mund. Mein Kopf ist leer, das Kleinhirn hat kurz übernommen, um mögliche Gefahren nicht mit meinem Großhirn reden zu lassen. Womöglich würde so eine Situation sehr schlecht für meinen restlichen Körper enden.
„Oh ja, wie unwahrscheinlich, dass direkt hinter einer sich öffnenden Tür ein Mensch steht, der zusteigen möchte.“ Da ist es wieder.
Dann erblicken meine Augen das Gesicht noch einmal, die Türen gehen gerade ganz auf, und zwei Augen blicken zurück. Sie sehen umwerfend aus. Stille durchdringt meinen Kopf. Meine Augen beginnen über das Gesicht zu streichen, malen es ab, wollen jedes Detail betrachten und speichern, um das große Ganze sehen zu dürfen. Die Bilder schicken sie an mein Gehirn, dort wird es zusammengesetzt wie ein Puzzle für Kleinkinder. Dann übernimmt das Kleinhirn wieder die Kontrolle, es möchte nicht, dass mein Großhirn mit einem Engel spricht.
Ich blicke in das Gesicht einer Frau. Nicht nur einer Frau, einer wunderschönen Frau. Ich verliere die Kontrolle über meine Augen, sie beginnen den Rest abzulichten, jetzt wieder gesteuert von meinem Großhirn. Bilder kommen mir in den Sinn – ohne Sinn oder Zusammenhänge. Ich sehe ihre leicht dunklen Haare; sie fallen leicht gelockt bis über ihre Schulter. Meine Augen bewegen sich weiter, betrachten ihren Körper; sie hat einen Rock an. Ich sehe Sandalen, ihre Hände, da sind Beine, lang und schön. Ich, ich, ich.
Sie lächelt. Ich zerfließe. Ein Augenkontakt, mein Bauch rebelliert, mein Kopf ist leer. Hilfe!
Zu schnell vergeht der Augenblick. Schon verwischt das Lächeln aus ihrem Gesicht und sie betritt den Aufzug. Ich fühle mich unwohl in meiner Haut, in meinem Leben, in mir.
Sie stellt sich neben mich, was an der geringen Größe des Aufzugs unumgänglich ist, mir aber nicht behagt. Ich rieche ihren süßlichen, leicht charmanten Duft, ich atme ihn tief ein und beginne zu schwitzen, sehr stark und schnell. Sie beugt sich nach vorne zu den Knöpfen und beginnt die Stockwerke zu studieren, ich kann kurz ihr Höschen sehen.
„Sie ist so wunderschön. Sag was, sag was!“
Ich gelange wieder zu Bewusstsein.
Wie sagen? Was sagen?
„Komm schon, die sieht umwerfend schön aus. Versuch mit ihr ins Gespräch zu kommen, das ist sie!“
Wer?
„Die EINE!“
Die eine?
„Die eine, der wir endlich mal beim Vögeln ins Gesicht schauen können!“
Was zum…!?
„Ach komm schon, mit Ruhm hat sich unsere Frauenauswahl noch nicht wirklich bekleckert.“
Tina fand ich in Ordnung, sie hat mich nur zu schnell verlassen, um sie genauer kennen zu lernen.
„Vergiss Tina! Das hier ist Tina zum Quadrat, ach was hoch sechs. Äh…oder die sechste Wurzel Tina? Mathe ist nicht meine Stärke…“
Frauen auch nicht, unterbreche ich. Mich selbst.
„Egal, was auch immer. Konzentriere dich, dann schaffst du es dieses Mal!“
Inzwischen hat die schöne Frau, „ach was, die Angebetete!“, die schöne Frau ihren Knopf für das richtige Stockwerk gefunden und gedrückt. Es liegt ein paar Nummern über meinem. Sie beugt sich wieder zurück und ihr leicht lockig, braunes Haar fällt ihr in den Nacken.
„Ich habe noch nie so eine schöne, die perfekte Vollendung übertreffende, Bewegung gesehen.“ Sie ist ein Engel. Ein Hauch der Luft, den sie durch das Zurückbeugen loslöste, trifft mich. Ich schließe meinen Mund und atme mit der Nase jedes einzelne Molekül ein.
Dann erhasche ich einen Blick von ihr auf mich. Mein Magen dreht sich um. Zwei mal.
„Sie, sie, sie hat uns angesehen. Noch mal.“, stottert mein Gehirn vor sich hin.
„Ok, jetzt atme tief ein“, ich beginne tief einzuatmen, „Nein, warte!“, ich verharre mit gefüllten Lungen, „Verdammt, das kommt nicht gut so. Es wirkt nervös auf sie, ganz bestimmt. Und äußerst merkwürdig, wenn ich so drüber nachdenke.“ Und was soll ich dann jetzt tun?
„Ähm, hm…Gähne!“ Was? „Gähnen, du sollst gähnen! So als ob du nur gähnen musstest.“ Ich versuche zu tun als würde ich gähnen. Ein verwirrter Blick des Engels trifft mich hart, wie ein Faustschlag mitten in den Magen.
„Ok, das war kein Erfolg und viel Zeit haben wir auch nicht. Lass dir was einfallen“ Wieso ich? „Mach jetzt! Oder willst du verdammt noch mal diese Chance verstreichen lassen?“ Ich blicke auf die Stockwerkanzeige. Die Nummern schnellen nur so durch. Gut, dass das ein hohes Gebäude ist, ein sehr hohes. Trotzdem nähern wir uns unumgänglich meinem Zielstockwerk.
Komm schon, vielleicht muss noch jemand zusteigen! „Darauf können wir uns nicht verlassen, außerdem langweilt sie sich. Lass dir was einfallen, Mann!“
Sie blickt stumm gerade aus, als ich sie betrachte blickt sie mir wieder tief in die Augen. Ich spüre den Drang wegzuschauen und gleichzeitig weiter in ihre Augen zu sehen. Ich versuche ein Lächeln anzudeuten. Sie blickt weg.
Die Musik setzt wieder kurz aus, es folgt ein Ruck. Ich schreie und juble innerlich auf.
Es steigt jemand ein! „Das findest du gut!? Das ist schlimm!“ Warum „Da steigt jemand ein, stell dir vor das ist ein Mann, der sich anstelle von dir an sie ranschmeißt. Oder schlimmer eine Frau, die mit ihr zu reden anfängt.“ Das stimmt.
Ein weiterer Ruck folgt, die Musik überschlägt sich kurz. 15. Stock zeigt die Anzeige an. Also, was tun? „Hm, lass mich machen, ok?“ Ok…
Die Tür gleitet wieder auf, ich bereite mich innerlich wieder darauf vor ein Gesicht zu erblicken. Doch es erscheint kein Gesicht. Ich schaue raus und sehe nur eine weiße Wand mit dem Schriftzug „15. Stock“ darauf. Dann blicke ich runter zum Boden und sehe die Ursache für den Stopp: Ein Junge im Rollstuhl. Er blickt uns beide fragend an. Ich blicke zurück, genauso fragend. Als er gerade ansetzen will seinen Rollstuhl in den eh schon mit uns zwei überfüllten Fahrstuhl zu stellen, drücke ich geistesabwesend den Türen-Schließen-Knopf. Sanft gleiten die Türen vor dem Gesicht, des jetzt noch fragender dreinblickenden Jungen zu. Ein Ruck geht wieder durch den Aufzug und holt mich aus meiner Betäubung. „Was zum Teufel hast du da gerade eben gemacht?“ Ich weiß es nicht.
Ich traue mich nicht sie anzusehen, mache es trotzdem. Ein fragendes Gesicht empfängt meine Augen, dann beginnt sie zu lachen. Ich, immer noch den Knopf drückend, entspanne mich langsam wieder und bekomm ein Lächeln auf mein Gesicht. „Sehr gut gemacht, Junge. Jetzt sprich sie an! Sag was zu ihr, komm, jetzt hast du sie im optimalen Zustand. Jetzt, jetzt, jetzt, LOS!“ Ok, ok, moment. Ähm, ok. Also los.
Ich sehe sie an, sie lächelt immer noch und sieht dabei noch schöner aus, als ich es für möglich gehalten hatte. Ich möchte meinen Mund öffnen, sie ansprechen, sie küssen, sie mitnehmen, nach Hause, mit ihr schlafen, sie heiraten, Kinder bekommen, alt werden und zusammen sterben. Ich blicke sie an, sie mich. Ich blicke sie weiter an, sie mich immer noch.
„Was…was ist los?“ Ich…ich, äh…ich, ich weiß nicht was ich sagen soll.
„…“ Scheiße, was soll ich sagen?
„Nein, das gibt es nicht. VERDAMMT! Das ist unsere Chance, SAG WAS! IRGENDWAS, ist völlig egal!“ Ok, irgendwas. Äh, irgendwas. Gut, irgendetwas. „MACH JETZT!“ SCHEISSE, ICH WEISS NICHTS!
Ich blicke immer noch auf sie, aus ihrem lächelnden Gesicht wurde langsam ein ernster und fragender dreinblickendes Gesicht. Ich glaube auch gewisses Mitleid herauslesen zu können.
Verzweiflung breitet sich in meinem Kopf aus, ich vermassle es. „Sag doch bitte irgendwas…bitte, tu es für dich!“ Mein Blick wandert weg von ihrem Gesicht, runter, Richtung Boden. Auf dem Weg passiere ich ihren Körper, mir fällt jetzt zum ersten Mal auf, dass sie etwas in den Armen hält. Es sind Akten, „message 4 you“ steht drauf.
Innerhalb kürzester Millisekunden ordnen sich meine Gedanken neu an, verarbeiten die eben gewonnene Information, nehmen sie auseinander, vergleichen sie mit meinen Erinnerungen und stellen den perfekten Masterplan zusammen.
„Message 4 you. Die Werbeagentur. Du arbeitest da. Sie hat was für die Agentur.“ Warum hat sie was für die Agentur? „Nicht wichtig jetzt! Sie hat es, du hast es nicht. Sprich sie darauf an, sofort!“ Ok, ich machs, das ist perfekt.
Meine Augen, mit vollster Hoffnung ausgestattet, richten sich wieder auf ihre. Als sie meine Augen erblickt, ändert sich ihre Stimmung blitzartig, sie sieht meine Hoffnung, ihr Gesicht hellt auf.
Ich möchte starten mit meinen Worten, ich sehe sie vor meinem geistigen Auge, sie warten nur darauf als Schallwellen in ihr Ohr zu fliegen. Sie stecken auf meiner Zunge, kurz davor loszusprudeln, lange kann ich sie nicht mehr im Zaum halten. Ich öffne gerade meinen Mund, als die Musik aussetzt und ein Ruck den Aufzug durchzieht. Davon abgelenkt blicke ich für einen Moment auf die Anzeige. Mein Mund schließt sich wieder. Es ist das Stockwerk. Mein Stockwerk. Die Türen gehen auf, ich blicke sie immer noch an, die Hoffnung wich der Leere. Sie blickt kurz zur offenen Tür, dann mich wieder an. Aus ihrem Blick ist die Helligkeit verschwunden, ich vermute jetzt Ernsthaftigkeit zu sehen und bemerke die Traurigkeit nicht.
Die Musik setzt ganz aus. Ich blicke kurz hoch zu den Schlitzen. Dann bewege ich mich langsam aus dem Aufzug raus, hinter mir verschließen sich die Türen und ich höre den Aufzug seinen Weg weitergehen.
„Hättest du doch was gesagt…“, hallt es traurig durch meinen leeren Kopf.
„Hättest du doch was gesagt…“, hallt es traurig durch ihren Kopf.
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Das war mein Beitrag zum Micromovie-Wettbewerb von Das Vierte. Eine Geschichte in 100 Sekunden und dem Stichwort „message 4 you“. Ich habs als Schildchen verarbeitet und vielleicht auch in gewisser Weise in der Geschichte, irgendwie geht’s ja auch um eine nicht gesagte Message. Hm.
Jedenfalls wurde es nichts, was aber an sich nichts macht, für mich war es wichtig überhaupt eine Geschichte zu schreiben und letztendlich da mitzumachen. Der olympische Gedanke zählt da mehr als sonst, zumindest für mich. Das ist keine Ausrede, es ist wirklich so.
Und das wichtigste ist ja, dass mir das Schreiben Spaß gemacht hat. Inzwischen geistern wieder neue Ideen in meinem Kopf umher, die wollen raus, also werde ich sie jetzt dann Stück für Stück rauslassen und hier veröffentlichen. So wird mein vorletzter Post, zwecks aufhören mit dem bloggen eigentlich wieder sinnfrei, weil ich den Blog jetzt einfach in meinen persönlichen geschichtenveröffentlichenden Verlag ummodeliere. Schöne neue Welt.
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