Unlebbar.

03dez06

Es sollte kein guter Tag werden. Warum wusste er nicht, er spürte es. Irgendwie. Wie man so was spürt, dann wenn man die Augen aufschlägt. Im Bett liegend. Er wollte sie wieder schließen. Es nicht spüren. Nur nicht spüren. Sie wollten nicht. Es sollte kein guter Tag werden.
Er stand auf, das Gefühl nicht weiter beachtend, und ging ins Bad. Unter die Dusche und hielt seinen Kopf unter das Wasser. Er schloß die Augen, lauschte dem Wasser und der Musik. Sie kam blechern aus dem Radio. Guten-Morgen-Musik. Es sollte kein guter Tag werden.

Das Frühstück stand schon da. Seine Mutter hatte es ihm unter Eile noch hingerichtet. Er hatte keinen Hunger. Trotzdem aß er ein Stück Toast und trank den Kaffee, es sollte nicht umsonst gewesen sein. Er warf einen Blick in die Zeitung. Belangloses reite sich aneinander. Zu früh. Der Ganze Tag zu früh. Erste Gedanken krochen aus ihren Verstecken. Gelangweilt widmete er sich dem Fernsehen. Belanglose redeten über Belanglose und deren belanglose Taten. Er fühlte sich belanglos und schaltet den Fernseher wieder aus. Es wollte kein guter Tag werden.

Es war noch Zeit, bevor er los musste. Sich auf den Weg in die Schule zu machen. Er checkte noch mal seine Mails. Nichts außergewöhnliches. Er begann eine Mail zu schreiben. Über belangloses. Verwarf sie aber wieder. Es hatte keinen Sinn. Nicht jetzt. Nicht so früh.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihm sich fertig zu machen. Er machte sich auf den Weg. Schloss die Tür hinter sich zu und steckte die Hörer seines iPods in die Ohren. Es regnete. Noch mal die Augen schließen. Noch mal der Musik zuhören. Komisch, es war doch wie jeden Tag. Doch dieses Gefühl. Es sollte kein guter Tag werden.

Er wartete auf den Bus. Erst Zehn, dann fünfzehn Minuten. Er kam nicht. Flüche kamen ihm in den Sinn und er machte sich zu Fuß auf den Weg zur Bahn. Die Musik pochte ihm in den Ohren. Keine Geräusche hören. Nicht Heute.
Der Bahnhof war voller Leute. Ein lautes Gemurmel aus Flüchen, Tratsch und Belanglosem übertönte seine Musik und er stellte sie vorerst aus. Er schlängelte sich durch die Menschenmasse zielstrebig hindurch, bekam hier und da Wortfetzen aus Gesprächen mit und begann die Musik wieder anzuschalten. Es war zu früh. Er kam an seinem Bahnsteig an, blickte auf die Anzeigetafel und sah, dass er zu spät kommen würde. Die nächste Bahn sollte eigentlich gleich kommen. Sollte. Es sollte kein guter Tag werden.
Er umkurvte die nächste Gruppe an Menschen und begab sich ans Ende des Bahnsteiges. Wenn er Glück hatte und er hinten einsteigen würde, könnte er mit einem Sprint vielleicht doch noch rechtzeitig in der Schule ankommen. Nicht viele standen ganz hinten. Die meisten steigen ja wieder im Stadtzentrum aus und da war es schlauer vorne einzusteigen. Er bemerkte die anderen in seiner Umgebung nicht. Und wollte es auch nicht.

Nur den Anzugträger mit Aktentasche übersah er nicht, mit seinem starren Blick auf die Gleise gerichtet. Es war zu früh. Er schloss die Augen. Hörte die Musik. Und hörte sie doch nicht. Er hörte lautes Gemurmel. Sehr lautes Gemurmel. Er verstand kein Wort, seine Musik vermischte sich mit den Wörtern. Er öffnete die Augen, sah den Anzugträger mit Aktentasche wie er ihn schmunzelnd anschaut und sich dann wieder seiner ursprünglichen Ausgangsposition widmete. Starr auf die Gleise starrend. Das Gemurmel blieb. Er drehte sich um und sah einen Mann. Den lauten Mann. Er hatte lange blonde Haare und einen Blick, der zu viel verriet. Und er brüllte. Er verstand die ersten Worte, verstand aber keinen Sinn dahinter. Er drehte sich wieder um. Musik, er wollte nur Musik hören. Und das brüllen verstummte. Er machte sich nicht die Mühe das Treiben noch mal zu betrachten. Es war wieder normal. Er blickte auf die Anzeigetafel. Er würde zu spät kommen, der Zug kommt zu spät. Fünf Minuten. Er schloss die Augen. Doch sie wollten nicht. Sie blieben auf. Um zu sehen.
Die Musik lief weiter. Es war wieder ruhig. Es sollte kein guter Tag werden.

Er spürte ein leichtes beben. Die Bahn. Sie kam. Schnell. Wie jeden Morgen. Sie kam näher, das beben wurde stärker. Stärker und stärker. Ein empörter Schrei. Er verstand nicht. Er wurde gestoßen. Auf die Seite gestoßen, er musste kurz das Gleichgewicht finden und sah den blondhaarigen Mann. Rennen. Er sah die Bahn. Kommen. Schnell, zu schnell. Der Mann lief. Und sprang.
Es sollte kein guter Tag werden.

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